Rafael Horzon – Das weisse Buch

Als ich zu Lesen begann, wusste ich kaum was mich erwarten würde und so war ich umso überraschter, mit welchem flockig-leichtem Erzählstil dieser autobiographische Roman daherkommt. Die Geschichte wird rasant erzählt, hangelt sich anhand einschneidender Erfindungen der Hauptfigur entlang und ist immer wieder mit kleinen Anekdoten und philosophischen Exkursen aufgelockert. Das Motiv der Liebe wird nur marginal gestreift, weshalb sich die emotionale Ebene oft in Einklang mit dem Auf und Nieder der geschäftlichen Welt der Hauptfigur befindet.
Alles ist in eine mal feine, mal überbordende Ironie und Übertreibung gehüllt, sodass die Überheblichkeit, die man der Figur so oft vorwerfen möchte, sofort daran abperlt. Übrig bleibt die Erzählung eines interessanten Lebens in einer aufkommen Berliner Metropole, inklusive einer Verstrickung von allerlei großen Namen aus Kunst-, Kultur und Unternehmerkreisen. Einzig der Spannungsbogen leiert durch die Übertreibungen hier und da aus, weshalb es durchaus Passagen gibt, in denen man sich als Leser etwas verloren fühlt in der ganzen Dichtung.

Das neue Jahr

Wenn das neue Jahr kommt, geht es immer um die großen Umwälzungen, um das neue, bessere, mit einer perfekten Struktur versehene Leben. Dieses Wunschdenken ist hier ganz unironisch in ein paar wenige Zeilen gepresst.

Zum Hören

Zum Lesen
Das neue Jahr steht in der Tür,
Ich mach sie auf,
Willkommen hier,
Komm nur herein,
Du Sonnenschein, ich möchte mir dir glücklich sein,
Bis an dein Ende,
Dann kommt das nächste Jahr,
Das ein Jahr darauf, wiederum das alte war.
So geht es immerfort und immerzu,
Wir wissen alle, ich und du,
Man nimmt sich Dinge vor,
Man schmiedet Pläne,
Der eine will ein neues Ohr,
Der andere saubere Zähne,
Viele haben lange Listen,
In denen ihre Träume nisten.

Chancen sind nur problematische Dornen,
Hat einmal ein Philosoph geklagt,
Man müsste nur die Dinge ordnen,
Hat ein anderer gesagt.

Ich habe mich dies Jahr entschieden,
Das wirklich alles anders werden muss,
Einen Leitfaden hab ich mir geschrieben,
Mit Unkonkretheit ist jetzt Schluss.

Zum einen werd ich weniger Zucker essen,
Ich werde seltener meinen Schlüssel vergessen,
Weniger Streit mit Politessen,
Weniger egoistische Interessen,
Mehr Vitamine, weniger Auto, zunehmend die Schiene nutzen,
Besser den Müll trennen, ausgiebiger Putzen,
Die Haarspitzen stutzen, die Fußnägel ordentlich kürzen,
Das Essen deutlich besser würzen,
Nur Heizen wenn es friert,
Nicht mehr lachen, wenn jemand verliert,
Den interdentalen Raum besser pflegen,
Keine bösen Gedanken hegen,
Tee für die Seele trinken,
Öfter wieder in Bücher versinken,
Nur noch Bio-Fairtrade kaufen,
Keinen Alkohol mehr saufen,
Und wenn nachts der Hunger klopft,
Keinen Käse mehr naschen,
Sondern eine Möhre waschen,
Dann schälen und knabbern,
Weniger aufs Kissen sabbern.
Mehr lernen werd ich fürs Gehirn,
Mehr Hyaluron für meine Stirn,
Weniger sitzen, öfter bewegen,
Mit Pedanterie den Hausflur fegen.
Häufiger verreisen,
Und beim Gespräch mit der Kassiererin,
Vorher die Stimme enteisen.
Insgesamt einfach netter sein,
Schöner und besser und toller,
Verzichten werd ich allgemein,
Das Glas es wird halbvoller.

Beten werd ich für die Welt,
Spenden werd ich,
Brot und Geld,
Und Zeit für Leute in der Not,
Im Park sammle ich Hundekot,
Bezeichne niemanden mehr als Idiot,
Nur weil er meine Fahrradreifen zersticht,
Ich geh zu ihm rüber und geb ihm einen Kuss ins Gesicht.
Ich sag der Welt, dass ich sie Liebe,
Ich sag dem Schweinehund, dass ich nicht mehr verschiebe,
Sondern fleißig bin ab heut,
Vor einer 168 Stunden Woche,
Hab ich mich sonst immer gescheut,
Aber dieses Jahr wird alles anders,
Ich erneuere mich um 1000%,
Und während ihr noch an der Startschnur steht,
Bin ich es der schon vorne rennt.

Ich bin der Typ der immer lacht,
Ich bin es, der die Welt bewacht,
Der den Ertrag verhunderfacht,
Und fröhlich singt im Fahrstuhlschacht,
Ich rette die Erde,
Indem ich amerikanischer Präsident werde,
Indem ich einfach alles richtig mache,
Diesmal wirklich, nicht so wie letztes Jahr,
Als meine kurze Liste, nach Tagen schon Vergangenheit war,
Als ich sah,
wie Fantasie und Realität nicht vereinbar sind,
Als ich Februar heulte wie ein kleines Kind,
Als all meine Vorhaben zu Staub zerfielen,
Und ich sie nicht mehr finden konnte, zwischen den Dielen.
Damals hatte ich mir geschworen
Und daran sieht man das traurige Resultat der Geschichte,
Max egal was kommen wird,
Du schreibst nie mehr beschissene Gedichte.

Reisebericht Griechenland

Allgemeine Reflexionen

Zunächst einige Worte zu Griechenland an sich. Wir landeten und starten im schönen Ort Thessaloniki, einer zerfledderten Stadt mit gut 300.000 Einwohnern, die am Ufer der Bucht entlang verstreut lag. Unsere Villa, die wir, wie es in diesen Zeiten Hipp und schön ist, bei airbnb gebucht hatten, lag eine knappe Autofahrt entfernt auf der legendären Halbinsel bei Michianio. Das Haus war schön und gut, mit vier Schlafzimmern und allerlei zusätzlicher Super-Ausstattung, so etwa ein Steinofen und eine Rutsche für Kinder aus rosa Plaste. Die beste Erfindung lag jedoch im Antiinternet, welches dort perfekt funktionierte und dessen Empfang bis in jedes Zimmer reichte.

Was sofort auffiel, waren die vielen wilden Hunde, die überall durch die Straßen liefen, in den Büschen lagen und deren Kadaver irgendwo in der Wildnis verrotteten. Des Nachts veranstalteten sie wilde Bellkonzerte, zu denen man rhythmisch im Bett tanzen konnte. Die Häuser in unserem kleinen Dorf wirkten teilweise vernachlässigt, verlassen, verstaubt und der Putz blätterte von den Wänden. Die vorherrschende Farbgebung war sandgelb und staubbaige. Viele Pflanzen waren vertrocknet, nur die Oliven- und Dattelbäume spendeten etwas intensives Grün in die Landschaft. Touristisch war das Gebiet gänzlich unerschlossen. Es gab zwar eine kleine Minigolfanlage in der Nähe, die jedoch nur in den Abendstunden öffnete und auch nicht gut besucht war. Wenn es Touristen gab, so kamen diese nach unserer Einschätzung aus anderen Regionen Griechenlands. Etwas weiter entfernt befand sich ein feiner Sandstrand, direkt am Zipfel der Halbinsel, auf dem die Raviera Beach Bar aus Holz im besten Fusion-Stile aufgebaut war. Dieser Strand sollte der Mittelpunkt für einige unvergessliche Abenteuer werden.

Die Preise waren dort zwar ordentlich gebuttert, aber der Service mit soliden Sonnenstühlen und kühlen Getränken trieb uns immer wieder hin. Und das Wasser war so herrlich warm, dass man ohne Auskühlungsgefahr bis zu einer Stunde darin aufquellen konnte. Der Salzgehalt war hoch und so schwamm man easy umher wie der junge Phelps, wahrscheinlich sogar ein bisschen schneller. Neben dem Strand lag überall Müll herum: zerschlissene Plastiktüten, Eimer, Verpackungen, Kabel und Gerätschaften, Becher und Schachteln, Zigarettenstummel und Knochen. Warf man also den Blick Richtung Meer, so war es ein herrlicher ungetrübter Anblick, wendete man ihn jedoch nach links oder hinten, so verfärbte er sich schnell, wurde weniger schön, fast hässlich. Es musste vielleicht etwas mit der Krise zu tun haben, dachten wir. Aber wohl möglich waren es auch nur die Unbedachtheit und die Skrupellosigkeit Mancher, die dem Wohle der Natur noch unreflektierter gegenüberstanden als unsereins. Von der Krise bekamen wir ansonsten nicht viel mit. Das Elend war zumindest nicht direkt auf der Straße zu beobachten. In Thessaloniki schliefen ein paar Obdachlose auf einem Grünstreifen, aber es waren nicht mehr als im Tiergarten in Berlin.

Thessaloniki

Was natürlich auffiel, war das deutlich regere Treiben und Arbeiten in den Abendstunden oder Nachts. Tagsüber war es aber auch aufgrund der Hitze fast unmöglich eine körperliche Tätigkeit mit voller Effizienz durchzuführen und auch mental waren deutliche Hitzeerscheinungen in unser Reisegruppe zu erkennen. Dies führte sogar dazu, dass eine besonders gehirnvertrocknete Person den dringenden Wunsch verspürte ein Wasserspray zu erwerben.

Die kulinarischen Erkenntnisse:
1) Es gibt dort in den kleinen Orten sehr gute Backstuben, die leckeres Gebäck mit Nüssen und Schokolade und natürlich auch Baklava verkauften.
2) Die Fleischspezialitäten waren meist sehr einfach gehalten, aber oft dennoch sehr lecker.
3) Salate gab es reichlich, die meist mit 1 oder 2 Litern Zaziki angereicht wurden oder einer formidablen Scheibe Feta.
4) Besonders die frittierten Zucchini-Scheiben stachen durch ihre Knusprigkeit und ihren Geschmack hervor.
Die besten Erfahrungen machten wir in Michaiona, einer kleinen Ortschaft 10 Minuten von unserem Haus entfernt.

Besondere Ereignisse:
a) Das Unterwasserfeuerwerk
Als wir das erste Mal nachktbadeten erwartete uns eine erstaunliche Überraschung unter der Wasseroberfläche. Als wir ins schwarze Nass einstiegen wussten wir noch nicht, was gleich passieren würde. Im Wasser entstanden bei Berührung kleine Lichtexplosionen. Wenn wir mit unseren Händen herumrührten war das wie ein Meer an Unterwassersternen, die dort kurz aufleuchteten. Dieses Phänomen der Biolumineszenz war mir vorher nie zu Gesicht gekommen und umso faszinierter war ich über die fantastischen Fähigkeiten der Natur.

b) Auf glühenden Kohlen
Gleich am ersten Tag entdeckten wir auf dem Weg zum Haus einen kleinen, süßen Fußballplatz. Mittags kehrten wir für eine wilde Partie zurück. Der Platz lag in der prallen Sonne und bereits nach wenigen Minuten spürten wir, dass unsere Füße sich trotz Sockenschutz so enorm erhitzten, dass es sehr schmerzhaft wurde. Ich kam auf die geniale Idee sie zur Abkühlung mit Wasser zu begießen, was leider jedoch einen gegenteiligen Effekt auslöste und unsere Füße eher kochte als schütze. Nach 5 Minuten musste mein Team aufgrund von akuter Brandblasenentwicklung aufgeben.

c) Die Legende der betrunkenen Tänzerin
Als wir eines Nachts zum Strand zurückkehrten, um erneut dem Unterwasserfeuerwerk beizuwohnen, kam es zu einer unvergesslichen Begegnung. Wir hatten uns gemütlich zunächst auf eine der Strandliegen gelegt, um altersgerecht das Rauschen des Meeres zu genießen, als plötzlich von rechts her am Strand eine Besucherin der Beach Bar in unsere Richtung schlenderte. Wir beobachteten, wie sie langsam näher kam und dann unmittelbar vor uns zu tanzen begann, mit dem Füßen leicht im Wasser, aber mit sehr abwechslungsreichen ausschweifenden Bewegungen. Da das Licht von hinten zu ihr hinüber schien, musste auf uns ein tiefer Schatten gelegen haben, in dem sie uns nicht sehen konnte. Ihr Tanzeinlage ging noch viele Minuten, bis wir uns deutlicher regten, um auf uns aufmerksam zu machen. Da verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war.

d) Die olympische Disziplin
Eines Tages fuhren wir zum Olymp, der eine Autotour von fast 3 Stunden entfernt auf der anderen Seite der Bucht lag. Dort besuchten wir die Badestelle des Zeus, in der man selbst jedoch nicht baden durfte, da sie nur für Götter bestimmt war. Diese Wasserstelle war ein Stück weit oben gelegen und sie war Quell für einen kleinen Fluss, der sich in einem Tal schlängelte.
Am Fuß des Olymps

Ein Stück hinter der Quelle waren einige felsige Grotten, um die sich eine Großzahl an Jugendlichen tümmelten, die dort von einer Anhöhe hineinsprangen. Einige von uns begann es ihnen gleichzutun, also sich aus schier schwindelerregender Höhe von 4m oder mehr hinabzustürzen in das kleine Wasserloch. Es sah gefährlich aus was wir da taten und es war bei Todesstrafe verboten, aber wir taten es mit Bravour und Freude. Manch einer von uns wird noch ein Leben von der Bewältigung dieser bedrohlichen Herausforderung zehren.

e) Der kleine Begleiter
Gleich am ersten Tag lernten wir das wohl lieblichste Geschöpf dieser Erde kennen, eine kleine Katze, die die Vormieter unseres Hauses aus einer Mülltonne gerettet hatten. Sie war dermaßen verspielt, das zumindest immer einer von uns in Vollzeit mit ihr beschäftigt war. Zudem war sie ein großer Menschenfreund, schnell hatte sie uns alle liebgewonnen und schmiegte ihren kleinen geschundenen Körper an uns. Es ist der wohl schmerzlichste Verlust dieses Urlaubs, dieses freundliche Geschöpf dort zurückzulassen.